Archäologische Ausgrabungen


Rochefort-en-Terre Hätte ich oder hätte ich nicht ...

... Archäologie studieren sollen. Für beide Positionen gibt es gute Gründe und so bin ich noch heute unentschieden. Ausgrabungen jedenfalls faszinieren mich seit jeher und mein Traumberuf wäre es ganz ohne Frage, finanziell unabhängig und gestützt auf moderne technische Methoden und ein eigenes Grabungsteam Ausgrabungen zu leiten. Nur daß dieses Berufsbild in dieser Form leider nicht existiert, mußte ich natürlich auch längst erkennen.
Dennoch läßt mich die Archäologie nicht los und als junger Erwachsener habe ich einen Weg gefunden, der Leidenschaft in kleinem Rahmen regelmäßig zu frönen. Mit 19 Jahren habe ich mich zum ersten Mal in Frankreich als Grabungshelfer an einer archäologischen Ausgrabung beteiligt. Zum siebten und vorerst letzten Mal war ich im Jahr 2006 auf einem chantier. Mehr als das eigentliche Graben (Schürfen oder Kratzen trifft es in der Regel eigentlich eher), das häufig schnell ermüdend und ernüchternd sein kann, fasziniert mich immer das Umfeld der Grabung, das Lager, die Landschaft und natürlich die Ausgräber selbst, eben der gesamte Organismus eines Ausgrabungscamps. Alle Grabungen, an denen ich bisher mitwirkte, waren mehr oder weniger stark international besetzt. Teilnehmer aus 10 oder mehr verschiedenen Nationen sind keine Seltenheit, das Zusammenleben und der kulturelle Austausch erweist sich für mich immer als sehr bereichernd.

Tautavel

Wie sehen die Bedingungen für einen freiwilligen Grabungshelfer aus?

Es geht hier mit Sicherheit nicht um Erholungsurlaub sondern um harte Arbeit, unbezahlte Arbeit. Geld für seine Mitarbeit bekommt man in keinem Fall, unter Umständen zahlt man einen kleinen Anteil für Versicherung oder im Vorfeld als Kaution für sein Kommen. Im Gegenzug für seine zwei- bis vierwöchige Tätigkeit erhält man in der Regel Kost und Logis, wobei erstere meist – wir sind in Frankreich – recht anständig ausfällt, die angebotene Unterbringung entpuppt sich dagegen häufig nur als Aufforderung, sein Zelt mitzubringen, kann aber auch in einfachen festen (en dur) Unterkünften bestehen. Die Arbeitszeiten können sich sehr exzessiv gestalten, manche Grabungsleiter sind in ihrem Enthusiasmus nicht zu bremsen, auch Samstags und Sonntags zu arbeiten. Die Regel sind eher acht Stunden am Tag (ca. 8-12 und 14-18 Uhr) an fünf bis sechs Tagen in der Woche. Es gilt bei der Auswahl eines chantier also die Ausschreibungen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Natürlich spielt bei der Entscheidung für ein chantier aber auch dessen geographische und landschaftliche Lage und die eigene Vorliebe für eine Zeitepoche eine Rolle. Je weiter man in die Vergangenheit zurück geht, desto exakteres Arbeiten ist meist gefragt. Als weitere Faustregel gilt, daß die materiellen Hinterlassenschaften einer römischen Siedlung deutlich umfangreicher ausfallen dürften als die einer vorgeschichtlichen.
In den meisten Fällen besteht die praktische Tätigkeit eines freiwilligen Grabungshelfers auf einer solchen Ausgrabung im vorsichtigen Abtragen von Erdschichten mit Hilfe einer kleinen Kelle (truelle) oder eines Spachtels innerhalb einer zugewiesenen Fläche (carré). Das Vorankommen kann sich bei dieser Methode je nach Bodenbeschaffenheit und Befund recht mühselig gestalten, oftmals handelt es sich um wenige Zentimeter, die man pro Tag in die Vergangenheit vorstößt. Bei großen Grabungsflächen läßt sich dieser Aufwand nur bei entsprechend großem Grabungsteam umsetzen. Man muß sich jedenfalls in der Regel vom Bild des Ausgräbers mit Pickel und Spaten verabschieden, das entsprechende Abtragen der oberen Humusschichten übernimmt heute meist maschinelles Gerät. Es gibt jedoch duchaus auch Ausnahmen, wie die Grabung auf dem Roc de Pampelune zeigt, an der ich im Jahr 2002 teilgenommen habe (s.u.). Auch was Funde oder Befunde betrifft, sollte man seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Schätze bleiben in jedem Fall Illusion, unbeschädigte Töpferware ist mir auch noch nicht begegnet, über einzelne Keramikscherben oder das dunkele Sich-Abzeichnen eines Pfostenlochs kann man sich schon einen Tag lang freuen. Ein zerbrochener Handmühlstein gehört noch zu meinen eindrucksvollsten Funden. Neben dem eigentlichen Graben fallen als weitere Tätigkeiten je nach Grabung das Einmessen und Zeichnen der Befunde sowie das Reinigen und Kategorisieren der Funde an. Schließlich wird manchmal auch die Übernahme von Küchendiensten erwartet, und es ist durchaus eine Herausforderung, für 30-50 hungrige Ausgräber drei opulente Mahlzeiten am Tag zu zaubern und zwischendurch womöglich noch für entsprechende Mengen einzukaufen, zu spülen und die Gemeinschaftseinrichtungen sauber zu halten. Aber selbst das kann auch Spaß machen.

Douai3 Wie kommt man an eine Ausgrabung in Frankreich?

Das ist heute relativ einfach und unkompliziert. Der Weg führt über eine Internetseite des französischen Kulturministeriums, die ab Mitte April/Anfang Mai eine mehr als ausreichende Anzahl an Grabungen in ganz Frankreich nach Regionen geordnet auflistet und sogar mit Suchfunktionen erschließt. Die gebotenen Informationen genügen für eine Vorauswahl. Dann schreibt man direkt an die angegebenen Verantwortlichen der Grabung, stellt sich kurz vor und bittet um nähere Informationen. Sofern noch Platz im Team ist, erhält man dann weitere Informationen zugeschickt und ein Formular für die Einschreibung . Das schickt man zurück und erhält später den meist positiven Bescheid über die Aufnahme in die Mannschaft.
Die geschilderten Bedingungen gelten nach meinen Erfahrungen für Frankreich. In Deutschland existieren meines Wissens nach Grabungscamps von entsprechenden Größenordnungen nicht, zumindest sind mir keine Ausschreibungen wie in Frankreich bekannt. Die Universitäten bieten natürlich für ihre Studenten Grabungen an, die Landesdenkmaläter greifen dagegen häufig auf ABM-Kräfte zurück. Es gibt also Grabungen aber keine ausgeprägten Grabungscamps mit internationalem Treffpunkt- und Eventcharakter, wie ich das in Frankreich teilweise erlebt habe. Dafür ist wohl in Deutschland die Chance größer, als Archäologiestudent für seine Mitarbeit (schlecht) bezahlt zu werden. Den Verlautbarungen nach besteht auch die Möglichkeit, sich bei privaten Grabungsfirmen, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, zu bewerben. In England bietet die private Denkmalschutzvereinigung The National Trust neben praktischen Naturschutzeinsätzen auch Ausgrabungen als kostenpflichtige Workcamps an.

Rethel An folgenden Grabungen habe ich bisher mitgewirkt:
  • Vom 31. Juli bis zum 31 August 1993 an einer prähistorischen Ausgrabung des Muséum National d'Histoire Naturelle in der Caune de l'Arago bei Tautavel im Roussillon. Am Fundort des „ältesten Menschen Europas“ gestalteten sich die Grabungen in der unzugänglichen Höhle entsprechend mühselig. Ein Pluspunkt war die grandiose landschaftliche Lage, nicht zu vergessen die persönliche Anwesenheit von Professeur Henry de Lumley und der elsäßische Chef de Cuisine.
  • Vom 15. Juli bis zum 2. August 1996 an einer Ausgrabung des Service Archéologique du Musée de Douai in Wandignies-Hamage, wo es Reste einer merowingischen Klosteranlage freizulegen galt. Auch hier ist der hervorragende Koch zu loben sowie die Unterbringung in Einzel- und Doppelzimmern in der Stadtmitte von Douai.
  • Vom 11. bis zum 29. August 1997 an der Ausgrabung von Resten der mittelalterlichen Burg von Rochefort-en-Terre in der Bretagne. Die Unterbringung erfolgte halb im Zelt und halb in einem stilvollen Atelierhaus über den Dächern der Stadt. Über verborgene Gänge hatten wir unmittelbaren Zugang zur Stammkneipe. Furios gekocht haben wir allerdings selbst.
  • Vom 10. August bis zum 3. September an der Grabung der Universität Bamberg im Kloster Lorsch. Die An- und Abreise erfolgte täglch mit dem Fahrrad; für meine Mithilfe gab es hier weder Geld noch Entlohnung in Naturalien, aber einen Handschlag von Professor Ericsson und eine Belobigung vom netten Grabungsleiter Stefan Kirchberger. In Lorsch haben wir tief im Dünensand gegraben, aber neben den Aushubgräben der Vorgängergrabung und obskuren römischen Fundamenten keine nennenswerten Spuren des karolingischen Klosters gefunden.
  • Vom 8. bis zum 19. August 2000 an der großflächigen Ausgrabung von Siedlungsresten aus der späten La Tène-Zeit in Acy-Romance nahe bei Rethel nördlich von Reims. Hier sind mir die kreidigen Böden besonders in Erinnerung geblieben, wo wir in glühender Hitze Pfostenlöcher im Akkord freilegten.
  • Vom 6. bis zum 25. August 2002 an der Ausgrabung einer befestigten Stadtanlage aus dem 6. Jh. n. Chr. auf dem Roc de Pampelune nordwestlich von Montpellier inmitten der garrigue, dem mediterranen Buschwald mit seinen Steineichen, wildem Spargel und Brombeeren. Auf dem recht großflächigen Bergplateau wurden umfangreiche Mauerzüge in der Tradition der Oppida-Grabungen in für mich ungewohnt hoher Geschwindgkeit freigelegt. Sogestalt fand ich diese Grabung tatsächlich einmal mit Spitzhacke und Schaufel sehr interessant. Weiterhin spannend war es, drei Wochen als einziger Ausländer unter lauter (Süd-)Franzosen zu leben. Die Grabung wird kurz auf der offiziellen Seite der Universität Aix-en-Provence vorgestellt. Bilder von der Grabung hat Michael auf seiner Seite bereitgestellt.
  • Schließlich vom 23. Juli bis zum 4. August 2006 an der Ausgrabung einer frühneuzeitlichen Klosteranlage in einem Vorort von Lille.